19 Liebe

Nach langer Zeit ohne schickten mich meine Träume heute Nacht mal wieder zurück in meine Zelle. Trotzdem fühle ich mich gut ausgeschlafen. Im Aufwachen überlege ich: Wie geht es jetzt den zurückgebliebenen Mitgefangenen? Sie müßten doch längst frei und im Westen sein! Damals hatten wir uns vorgenommen, im Westen, da treffen wir uns wieder, und haben aufgeregt und voller Vorfreude viele Kontaktadressen auswendig gelernt. Auweia, das alles habe ich völlig vergessen, aber es hat sich auch nie jemand gemeldet, ergo haben es die anderen auch vergessen. Dabei muß ich über mich schmunzeln, weil ich direkt verfolgen kann, wie sich der Gedanke in meinem Gehirn entwickelt. Ich spüre, wie ich denke. Um mich abzulenken, habe ich das damals in der Einzelhaft ausprobiert, habe meinen Körper beobachtet, wie er arbeitet: Herz, Lunge, Bauch. Ich habe meinem Fuß beim Wackeln zugeschaut und versucht zu fühlen, wie der dazu notwendige Befehl entsteht und quer durch den Körper saust. Während ich meinen Kaffee brühe, klopft es.
„Herein!“ Herein kommt Adele.
„Möchtest Du mit Kaffee trinken?“, frage ich sie.
„Aber gerne!“ Und sie nimmt zwei Tassen aus dem Regal, die Milch aus dem Kühlschrank und setzt sich aufs Sofa.
„Wir haben uns getrennt …“, beginnt sie, nachdem ich ihr Kaffee eingeschenkt habe. Und nach einer Pause:
„Nein, anders: Er hat Schluß gemacht, hat eine andere. Marion heißt sie.“
„Oh weh, das tut mir leid. Und damit kommst Du zu mir? Ich bin sein Bruder, was soll ich sagen?“
„Ich wollte eigentlich zu Isa. Wann kommt sie wieder?“
„Keine Ahnung, irgendwann nach Silvester.“ Ich setze mich zu ihr aufs Sofa und frage vorsichtig:
„Kann ich Dir helfen? Was ist passiert zwischen Euch?“
„Ich weiß es nicht, es ist nichts passiert, er hat einfach nur eine andere. Was ist schon Liebe?“
„Liebst Du ihn noch?“
„Doch ja, ach, es tut einfach weh.“
Sie schaut mich direkt an:
„Und Du, liebst Du Isa?“
„Ob ich Isa liebe? Ja, natürlich!! Aber ich bin mir nicht sicher, was Liebe ist. Ich denke viel darüber nach, sie ist vielschichtig. Auch lieben Männer und Frauen unterschiedlich und ich vermute, ältere Menschen lieben anders als wir Jungen.“
„Wie meinst Du das?“
„Wir sind stärker hormongesteuert und vielleicht suchen wir, nachdem wir frisch das Elternnest verlassen haben, gleich wieder neue Nestwärme?“
„Männer und Testosteron!“
„Ja, auch, vor allem weil es Männer mit geringer und Männer mit davon hoher Konzentration gibt, was teilweise den Charakter beeinflußt. Und nein, ich meine, aus urzeitlicher genetischer Determination heraus sehen Männer Frauen körperbetont und Frauen bei Männern mehr die Persönlichkeit.“
Mit deutlich erhobener Stimme unterbricht sie mich:
„Du bist viel zu jung für so viel Erfahrung!“
„Bin nicht zu jung, das ist eine meiner Erkenntnisse aus der Einzelhaft. Ich mußte lernen, den endlosen Zeitbrei zu gliedern, und habe angefangen, mir immer ein Problem vorzunehmen und es durch Überlegung zu ergründen. Dabei habe ich über die Liebe nachgedacht. Wodurch wird sie gesteuert? Wann und warum verliebt man sich? Ich habe gegrübelt, warum Eltern ihre Kinder lieben und warum Kinder ihre Eltern lieben und warum (ich muß tief Luft holen) … warum ich nichts für meine Eltern empfinde.“
„Großes Thema“, sagt Adele und lächelt dabei. Darauf schweigen wir, trinken den Kaffee und jeder hängt seinen Gedanken nach.
Nach einer Weile nimmt Adele vom Zeitungsstapel aus der Sofaecke das ‚Erlanger Tageblatt‘ und sucht das Kinoprogramm.
„Heute läuft: ‚Harold und Maude‘, Musik: Cat Stevens. Kennst Du den?“
„Nee, nie gehört.“
„Eine tolle Liebesgeschichte. Wollen wir den anschauen, kannst Du Dein Taxi stehen lassen?“
„Klar, aber ich will vorher ins Café Brazil, frühstücken.“
„Du bist aber spät dran.“
„Ja, bin die ganze Nacht gefahren und habe bis eben geschlafen.“
„Okay, dann los. Die Nachmittagsvorstellung fängt in zwei Stunden an.“
Auf dem Weg zum Brazil rufe ich von der Telefonzelle aus in der Zentrale an:
„Hi, kannst Du bitte den Fahrer der Zwo-Sieben anfunken und sagen, er könne, wenn er möchte, länger fahren? Ich komme später.“
„Alles klar, richte ich aus!“
Im Brazil geht mir durch den Kopf, ich hätte mein Argument „Männer sehen Frauen anders“ damit erläutern können, indem ich ihr von der Peepshow erzählt hätte, und außerdem: Alle Jungs schauen, wenn sie können, in die Mädchenumkleidekabinen, Mädchen tun das bei den Jungs nicht, es interessiert sie einfach nicht. Ob die Jungs sich nicht sogar freuen würden, wenn die Mädchen es täten? In der Natur findet sich das Gockel-Gen überwiegend bei den Männchen. Bei Pfau, Erpel, Löwe und tausend weiteren Beispielen: Immer ist es das Männchen, welches mit seinen körperlichen Merkmalen dem Weibchen gefallen möchte. Bei uns Menschen, vermute ich, ist das in den Genen immer noch aktiv. Hervor bricht es nur selten. Vielleicht bei den eitlen mediterranen Machos, bei Goldkettchen tragenden Männern, (die sind sowieso suspekt) oder vielleicht bei den Zuhältern auf der Reeperbahn. Dann fallen mir die Exhibitionisten ein, und ich überlege, ob es auch weibliche Exhibitionisten gibt. Aber nein, die würden einfach in der Peepshow arbeiten und fänden ihren Frieden dort. Vielleicht haben das Gockel-Gen bei uns Menschen hauptsächlich die Frauen? Sie schmücken und schminken sich; Von den Frauen der Urmenschen über Nofretete und Aphrodite bis heute gehen Frauen (fast) nie, ohne nicht wenigstens Lippenstift aufzutragen, aus dem Haus. Ihre Figur setzen sie modisch betont in Szene. Was für ein Gelächter würde über einem Mann losbrechen, der mit verdeckt eingearbeiteten Absätzen an seinen Schuhen versuchte, sich größer zu machen. Aber bei Frauen sind ausgestopfte BHs, Schminke und krank, aber schön machende Schuhe völlig normal.
Nach etwa einer halben Stunde kommt Adele und setzt sich zu mir. Wir bestellen uns noch zwei Kaffee. Ich erzähle ihr von meinen Überlegungen.
„Da könnte was dran sein“, sagt sie. „In den feministischen Gruppen wird gerade diskutiert, es gäbe die BHs nur, um zu heben, zu stützen und um den Busen für die Männer besser darzustellen. Deswegen soll der BH weg. Wie Du am Badeweiher bei Möhrendorf im Sommer sehen kannst, ist ‚Oben ohne‘ jetzt normal, so normal. Es schaut niemand hin oder dreht sich deswegen um. Du hast Isa …“, sie grinst, „von ihrem ausgestopften BH befreit“, und zeigt nach oben, um anzudeuten, wo er immer noch in der Küche unter der Decke im Regal liegt, „hat sie mir mal erzählt. Der Busen wird wieder ein normales Körperteil, wie die Nase oder ein Ohr, und er es bei den Naturvölkern in Afrika ist. ‚Oben ohne‘ als Normalzustand und dann ist der Busen nicht mehr Objekt der Begierde.“
Auf dem Weg zum Kino frage ich vorsichtig:
„Was ist der Grund für die Trennung?“
„Ich denke“, antwortet sie, „es hat aus seiner Sicht mit uns nicht gepaßt.“
Obwohl es noch nachmittags ist, haben wir uns je eine Flasche Bier geholt. Im Kino sitzen wir still nebeneinander. Der Film beginnt, wir hören Cat Stevens singen: „Sei nicht schüchtern“, und dazu sehen wir Harold einen Selbstmord zelebrieren. Damit beginnt der Film und erzählt eine Liebesgeschichte zwischen dem jungen Harold und der alten, lebenslustigen, sehr liebenswürdigen Maude; Dazu immer wieder die Lieder von Cat Stevens. Ach, und dieser traumhaft schöne Jaguar E-Type, als Leichenwagen. Adele hält ein Taschentuch in der Hand. Auch mich berührt der Film, er berührt mich sehr. Ich kann nicht verstehen, warum. Einfach irre schön. Aber warum steigt dabei in mir wieder dieses verstopfte Schlucken auf, als ob mein Kehlkopf ein Korken ist und was es auch sei, es darf nicht durchkommen?
Auf dem Heimweg schweigen wir still vor uns hin. Zum Abschied trägt mir Adele auf:
„Gib Isa einen Kuß von mir und frag, ob sie mich mal besuchen kommt!“
„Aber klar, mach ich und richte es aus.“
Vor dem Brazil steht schon die Zwo-sieben. Aber ich mach noch einen Abstecher, gleich um die Ecke in der Glücksstraße zu Friedolin in seine halb ausgebaute Dachwohnung. Im Treppenhaus höre ich bereits laute Musik. Ein Streichorchester spielt eine langsame, getragene, schwermütige Melodie. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Ich klopfe an und gehe gleich hinein. Friedolin sitzt vor seiner Staffelei und hat neben sich auf einem Stuhl einen großen Spiegel stehen. In der Hand hält er eine Dose, voll mit schwarzen Kohlestiften. Offensichtlich arbeitet er an einem Selbstportrait.
„Was hörst Du für traurige Musik?“ Er deckt das Bild mit einem großen Handtuch ab und dreht sich zu mir um:
„Das ist ein Adagio in g-moll von Albinoni. Italienischer Barock. Ja, traurig und schwermütig.“ Auf seinem riesigen, jetzt goldbraun leuchtendem Eichentisch stehen seine Teekanne und eine Schale mit Kandiszucker. Er deutet auf die Kanne:
„Möchtest Du einen Tee?“
Ich hole mir aus seinem, in die Dachbalken eingebauten Küchenregal eine Tasse und setze mich mit an den Tisch. Zwischen uns ist die alte lockere Vertrautheit aus der Jugendzeit nicht wieder zurückgekommen. Zu tief meine Verletzung, obwohl ich mir Mühe gebe, diese zu vergraben. Er schenkt mir Tee ein und stellt den Kandis zu mir hin.
„Sag mal“, frage ich, „was ist mit Adele? Sie sagt, Du hättest eine Neue?“ Er steht auf, tritt an die Dachluke und mit dem Rücken zu mir redet er in ungewohnter Offenheit:
„Ja und nein, es ging schon länger auseinander. Ich hatte nicht die tiefen Gefühle. Vielleicht habe ich mich nur geschmeichelt gefühlt, weil sie mich geliebt hat, und dann habe ich das meinerseits auch lange für Liebe gehalten. Ja, ich habe eine Neue, nichts Ernstes; fast schon wieder vorbei. Ich habe das Adele gegenüber nur so dargestellt, um es ihr leichter zu machen. Was soll ich sonst sagen? Ich liebe dich nicht mehr?“ Damit dreht er sich wieder zu mir um. Ich berichte ihm:
„Adele ist sehr traurig. Wir waren heute im Kino. Ablenkung. ‚Harold und Maude‘. Kennst Du Cat Stevens?“
„Aber klar, nicht ganz mein Geschmack. Ich habe eine Kassette von ihm: ‚Tea for Tillerman‘.“ Er sucht in seinen Kassetten, zieht eine heraus und hält sie mir hin:
„Hier, nimm, für heute Nacht in Deinem Taxi.“ Dabei schaut er ständig zu seiner Staffelei hin. Ich habe das Gefühl, ich störe ihn bei seiner Arbeit. Deshalb verabschiede ich mich mit:
„Oh, danke, ich muß los, mein Taxi wartet.“ Er wünscht mir:
„Guten Umsatz, gute Fahrt!“ Ich habe das Gefühl, er ist richtig froh über mein so schnelles Gehen, weil er sich wieder seiner Staffelei zuwenden kann.
Mit der Kassette im Taxi machte das Fahren richtig Spaß. Ich habe sogar von einem Fahrgast ein extra Trinkgeld bekommen, weil ich so gute Musik hätte.
Es gibt zwischen Nacht und Morgen eine tote Stunde. Da läuft nichts mehr, kein Nachtschwärmer, kein letzter Kellner - null. Die meisten Nachtfahrer machen dann Schluß, gehen heim oder auf einen Absacker in die Nachtkneipe ‚Xaver‘, die bis früh um sieben offen hat. Da bleibe ich noch, stelle mich auf einen Standplatz im Süden, in die Nähe der Viertel mit den Einfamilienhäusern, hin. Dort kommt oft morgens eine Fahrt zum Nürnberger Flughafen. Ein Siemensianer, der zur Frühmaschine nach Berlin muß. Ich habe Glück, mein Standplatz wird abgerufen, ich bekomme meine Tour. Als ich danach das Taxi vor dem Brazil abstelle, die Kassette einstecke und durch die frische, kalte Morgenluft an Isas alter WG vorbeilaufe, erinnere ich mich an die erste Nacht mit ihr. Ich kann plötzlich riechen, wie es mit uns war. Vielleicht kann man Liebe nicht verstehen, da hilft kein Denken, kein Analysieren und kein Grübeln – die Liebe ist ein Geheimnis.
Als ich in die Wohnung komme, ist es warm. Der Ofen hat noch Restglut. Isa ist zurück, sie schläft. Ich lege mich zu ihr ins Bett. Sie dreht sich zu mir. Es ist unheimlich vertraut, wenn man Gesicht an Gesicht, Nase an Nase liegt.
„Isa“, sage ich, weil sie etwas die Augen öffnet, „wir wollen es schaffen, das mit der Liebe, und wir wollen anders sein und uns auch nicht kitschig Liebling oder Schatz nennen.“
Darüber schlafen wir ein.

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